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Gude Laune, Feierei!

So. Liebe Fans, ihr habt mich ja alle schrecklich vermisst, ich weiß. Und es tut mir auch echt leid, dass ich jetzt erst schreibe.
Hatte irgendwie lange keine Lust, trotz eurer aufmunternden Kommentare. Hier mal ein kurzes Dankeschön an alle, die das hier lesen und kommentieren. Ich fühle mich geehrt von eurem Interesse. =)

Jetzt ist es schon so lange her, ich weiß garnicht, wo ich anfangen soll. Ich denke, bei den Feiertagen. Da fragten und fragen viele nach.

Also. Weihnachten. Weihnachten wird in China nicht gefeiert, denn vielleicht ist ja einigen noch geläufig, dass es ein christliches Fest ist. China ist kein christliches Land, vielmehr... äh. Nun ja, ich erleb vor allem Atheismus. Kein Weihnachten also, nein, während der Weihnachtsfeiertage ist sogar Schule. Das konnten wir natürlich als unglaublich fromme gläubige Christen nicht auf uns sitzen lassen, und so haben die Austauschschüler aus Yanqing bei ASSE darum gebeten, den Tag frei zu bekommen und in die Kirche zu gehen und ein bisschen zu feiern. Das hab ich mitbekommen und bin auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Was zugegebenermaßen nicht besonders schwierig ist, denn die Planungszüge von ASSE, wenn man bei der Metapher bleiben möchte, fahren ziemlich langsam und mit vielen Stopps. Und so trafen wir uns am 24. Dezember in Wangfujing (王府井, der größten und witzigsten Einkaufsstraße Pekings. Dort gibt’s unglaublich viele Geschäfte und Malls und Restaurants undsoweiter, alles zu fast europäischen Preisen. Begleitet von zwei ASSE-Wärtern quartierten wir uns dort in ein kleines Hotel ein.

Danach gingen wir raus und schauten uns die Kirche an, in der wir am nächsten Morgen am Gottesdienst teilnehmen sollten. Fotos davon findet ihr auf Pixum, im dritten Album. Genau so habe ich mir immer eine Missionarskirche vorgestellt und ich schätze mal, das war eine. Als wir die ASSE-Wärter anschließend fragten, ob wir uns unabhängig machen dürfen, schienen sie nicht besonders unglücklich und gewährten uns sogar eine sehr großzügige Ausgehfrist. Also erstmal was essen. Let me apologize to begin with... Ja, ich geh gern in großkapitalistische böse Wessi-Lokale in China. Zum Beispiel beim großen goldenen M oder beim netten Onkel aus Kentucky oder bei der Dame im grünen Kreis mit den Sternchen. Das liegt daran, dass ich hier jeden Tag chinesisch esse. Und stellt euch vor, man merkt es währenddessen nicht, aber man vermisst das Wessi-Essen. Und wenn sich dann die Gelegenheit bietet... Tut mir leid... Ich verspreche, wenn ich wieder in Deutschland bin, ganz viel in kleine Familienbetriebe zu gehen und die bösen, bösen imperialistischen amerikanischen Ketten eine Weile zu boykottieren. Nachdem ein paar von uns also ein Burgerchen gegessen haben, stürzten wir uns in das wilde Treiben auf der Wangfujing. Denn da gibt es auch ziemlich... interessantes Essen. Eine seeeehr lange Reihe von kleinen Ständen, an denen gebratene aufgespießte Teile von Tieren verkauft werden. So ziemlich alle Tiere, alle Teile. Gesehen haben wir alle möglichen Insekten und Wasserviecher, Innereien und Penisse und ganz viel Zeug, wo wir lieber nicht gefragt haben, was es ist. Gegessen haben wir einen Emuspieß, der ganz gut war. Einen Spieß mit etwas, das aussah wie Kokons von irgendwelchen Insekten. Sehr eklig, ich hab so ein Ding ganz in den Mund genommen und draufgebissen, was es allerdings nicht erwartungsgemäß in zwei Hälften teilte sondern das halbflüssige Innere an beiden Seiten heraus und in meinen Mund spritzen ließ. Uäh! Oder „beurk“ wie Mathilde sagte, als sie bemerkte, dass an dem Tintenfischspieß, an dem sie gerade kaute, noch die Augen waren. Sogar Döner hab ich gefunden, davon müsste auch ein Foto im Album sein. Leider hatte ich keinen Hunger, sonst hätte ich sicher einen internationalen Vergleich anstellen können.

Bemerkenswert war die schiere Menge an Menschen, die an einem normalen chinesischen Arbeitstag abends durch Wangfujing lief. Und es wurde nicht weniger, je später es wurde, eher mehr. Weil das irgendwie angesagt zu sein schien, kauften wir uns sowohl Weihnachtsmannmützen als auch leuchtende Teufelshörner, die ironischerweise an Weihnachten in der Fußgängerzone verkauft wurden. Stilsicher machten wir also die Malls, Fressmeilen und den riesigen Fremdsprachenbuchladen unsicher, bis wir dann zur vereinbarten Zeit pünktlich wieder in unserem Hotelzimmer waren und dort das eigentliche Weihnachtsfest begingen. Wer seine Geschenke von zu Hause mitgebracht hatte, packte sie dort aus, wir aßen Plätzchen, Lebkuchen und Marzipan und Schokolade und so Zeugs, sogar eine Kerze stand auf dem Tisch. Bis früh am Morgen saßen wir noch dort und unterhielten uns.

Viel zu früh mussten wir am nächsten Morgen aufstehen und zur Kirche gehen. Als wir dort ankamen, waren wir erstmal irritiert, denn die Kirche war schon proppenvoll mit Chinesen, die auf diesen Kniebalken knieten und chinesische Kirchenlieder sangen. Aber nicht lang. Dann standen sie alle auf und gingen. Wieder waren wir irritiert, denn eigentlich waren wir doch pünktlich?! Jedenfalls rissen wir uns eine der Bänke unter den Nagel und warteten, schließlich waren nicht alle gegangen. Gut so. Ein paar Minuten später begann der Gottesdienst. Ein Priester kam und redete. Vier von uns Fünfen hatten überhaupt keinen Plan, was grad vor sich ging. Luisa ist die einzige von uns, die erstens katholisch ist und zweitens sogar einigermaßen gläubig und kirchenerfahren. Trotzdem war es nicht einfach. Die Reihenfolge schien komisch zu sein. Und gesungen wurde garnicht. Offensichtlich war das Singen davor, separat. Zwischendurch hat auch die Gemeinde was gesagt und wir haben jedesmal gerätselt, ob das jetzt das Vaterunser, die Fürbitten oder sonst etwas ist. Verstanden hab ich nix von der Predigt. Nur „shengdanjielaoren“ (Weihnachtsmann), „nikelao“ (hehe, ratet mal) und „yesu“, woraus ich schloss, dass der Priester den Zusammenhang zwischen all dem erklärte, was ja durchaus nicht verkehrt ist. Meine Gastmutter dachte, der Weihnachtsmann sei identisch mit Jesus. Und das ist ja noch nichtmal so ein abwegiger Gedanke. Weiterhin merkwürdig für uns war das ständige Kommen und Gehen der Gemeindemitglieder, und dass sich niemand daran gestört hat. Aber im Nachhinein ist es völlig logisch, denn es war ein Dienstag Vormittag. Kein Feiertag. Also hat ein Großteil der Chinesen nicht genug Zeit, um einem kompletten Gottesdienst beizuwohnen und man kann froh sein, wenn man zehn Minuten konzentrierte Spiritualität mitbekommt. Insgesamt also eine interessante Erfahrung.
Unser verbliebenes Weihnachten ließen wir im nächsten Starbuckscafé ausklingen.

Wow. Weihnachten fertig. Silvester. Erstmal der 29. Dezember. Obwohl das ein Samstag war, hatte ich Schule, denn es sollte ein Fest stattfinden und die Chinesen sind nicht so großzügig mit wertvollen Schultagen wie unsereins. Dafür war dann Silvester frei, obwohl das eigentlich auch kein Feiertag ist. Bei diesem Fest jedenfalls saßen alle in der großen Halle der Schule und dann gab es verschiedene Beiträge der Schüler. Was uns die Tanzbeiträge sind, sind hier die Gesangsbeiträge: peinlich, überbewertet (aber nur von den Protagonisten) und völlig überflüssig. Denn von den Chinesen in meinem Alter halten sich ungefähr achtzig Prozent für überdurchschnittlich gute SängerInnen, wobei die Mädchen überraschenderweise nur wenig in der Überzahl sind. Also gab es sieben Gesangsbeiträge, zwei Sketche und einen Bandauftritt. Als die Band auftrat, hatte ich ein wenig Angst vor den üblichen chinesischen kitschigen Liebesliedern. Zu meiner Überraschung spielten sie Nirvana, und die Instrumente waren sogar gut. Die Sängerin war eine von denen, die nur zu Unrecht denkt, gut zu sein. Und außerdem schien sie den Text nur durch Hören gelernt zu haben, ohne die Worte auseinander halten, geschweige denn verstehen zu können. Was sich witzig anhörte, etwa so, wie wenn kleine Kinder Popsongs aus dem Radio mitsingen ohne englisch zu können.

Nun. Wo ich grad von Feier in der Schule erzähle, schweife ich mal etwas ab, zu einer kleineren Feier in der Klasse, die schon länger her ist. Das war ungefähr die unspaßigste Feier, an der ich jemals die Ehre hatte, teilnehmen zu dürfen. Zuerst wurde die Tafel wunderschön bemalt, mit Blümchen und so'n Kram, dann mussten alle ihre Schuluniform anziehen und zwar richtig, mit Reißverschluss zu bis zum Hals und nix drüber. Dann im Kreis sitzen. Und zwar richtig, gerade sitzen, Beine nicht überschlagen, nicht miteinander reden, Handys einstecken. Dann wurde am Lehrerpult ein Computer aufgebaut und darauf ein Film abgespielt, der niemanden interessierte und den man auch nicht verstanden hätte, wenn, denn der Ton war zu leise und das Bild lief auf einem 17-Zoll-Monitor, auf dem Windows Media Player, noch nichtmal im Vollbildmodus. Als diese lächerliche Vorstellung endlich beendet war, lasen erst zwei Schüler eine Rede vom Blatt ab, die ihnen wahrscheinlich vom Lehrer diktiert wurde, so voll von pathetischen Lobgesängen auf Lernen im Allgemeinen und diese Schule im speziellen und diese Klasse im noch spezielleren war sie.
Danach standen auch zwei hospitierende Lehrer auf und erzählten, wie vorbildlich diese Klasse sei und dergleichen mehr. Obwohl jeder wusste, dass wir die schlimmste Klasse sind und dass unser vorheriger Klassenlehrer uns gerade abgegeben hatte, weil er uns nicht mehr ertragen konnte. Zum längst fälligen Abschluss dieser Komödie trat noch einer derer auf, der von sich denkt, gut singen zu können, wurde unangemessen viel gelobt und bejubelt und vorbei war die ganze Chose.

Endlich das richtige Silvester: Mein Bruder und ich saßen am Computer und spielten sinnlose Spiele oder surften durchs Internet, als die Uhr 00:00 anzeigte und wir uns gegenseitig ein „新年快乐“ („Frohes Neues&ldquo zumurmelten, nicht zu laut, denn meine Gasteltern schliefen schon, war ja schließlich spät. Achja, ein paar Böller konnte man hören. Sporadisch. Ihr seht, nicht so allererste Priorität, Silvester hier.

Bald ist hier chinesisch Neujahr, am 7. Februar fängt's an. Das wird wohl etwas größer begangen. Ich bin schon gespannt. Ihr könnt euch auf einen Bericht freuen, wenns vorbei ist.

29.1.08 09:27
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


mama (29.1.08 10:00)
du ahnst nicht, sohn, wie wieoft die leute hier erschüttert danach fragen, ob es WIRKLICH kein weihnachten in china gibt. danke für die offizielle bestätigung.


Omi (29.1.08 14:19)
mei, warst du fleissig, nicht nur im Schreiben, nein auch der Tanz ist super, danke fuer die Muehe


äfa (1.2.08 16:15)
Lustig Text.
à propos Feiern: Karneval ist am Start.
Ganz lustig, obwohl ich in der Hinsicht eher etwas muffeliger bin...
Schulkarneval war entgegen aller Erwartungen ganz cool, nur zu lang und mit einer Büttenrede von Frau Engelhardt.
Weiteres inner Mail (glaub ich).
Tschüsssie
Küsssie
emnnb


äfa (1.2.08 16:15)


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