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Dezember/Januar

2.2.08 14:55


Interessantitäten

Ihr merkt schon, ich mach das ganze hier getrennt, nach Themen. Wär sonst wohl zu viel. Ich mach dann mal weiter mit ein paar kleineren interessanten Erfahrungen (Gibt’s da eigentlich ein Nomen? Interessantitäten? Oder so?).

  1. Drogenprävention auf Chinesisch.
    Letztens in der Schule... bringt die Klassenlehrerin eine DVD mit einem Präventionsfilm gegen Rauchen mit. Nachdem es ein Dutzend Schüler geschafft hat, den Fernseher und DVD-Player in Betrieb zu nehmen (das ist seit ich hier bin nämlich erst zweimal geschehen, obwohl jede Klasse einen eigenen Fernseher hat), wurden wir zur Ruhe ermahnt und der Film begann. Begann wie das Klischee eines pädagogischen Präventionsfilms. Mit düsterer Musik, ganz offensichtlich furchtbar süchtigen und zerrütteten Individuen, die in dunklen Ecken nur schemenhaft erkennbar große, bedrohliche Rauchwolken ausstoßen. Doch das ist erst der Anfang. Wo in Deutschland bevorzugt auf schematische biologische Darstellungen zurückgegriffen wird, mögen es die Chinesen lieber praktisch. Also Tierexperimente. Zuerst wird einer süßen weißen Maus Nikotin gespritzt, worauf sie ein wenig panisch hyperaktiv herumrennt und dann tot umfällt. Okay soweit. In Deutschland eventuell noch vorstellbar. Doch dann, später, folgendes: Zehn (süße) weiße Mäuse in einem Plexiglaskasten, ein Anschluss an diesem Kasten mit fünf handelsüblichen Zigaretten und eine Fräulein Doktor Mengele mit Stoppuhr und Pumpe. Naja. Den Rest könnt ihr euch warhscheinlich vorstellen, die grausame Hexe pumpt, die Mäuse winden sich, springen am einzigen winzigen Luftloch (da wo die Pumpe ist) hoch, entleeren sich, zucken in Todeskrämpfen und verenden qualvoll, während die Dame auf die Stoppuhr schaut.
    Okay, ich verstehe, das Problem mit den Parallelen zu Vergasung und Holocaust ist wahrscheinlich ein rein deutsches, aber selbst ohne das würde kein Lehrer einen solchen Film in einer deutschen vergleichbaren Schule zeigen.
    Das merkwürdigste kommt allerdings noch: Die Schüler zeigten sich völlig ungerührt, ja lachten sogar über die so witzig springenden und zuckenden Mäuse. Sogar ein paar von den Mädchen. Bedrückt hat das niemanden, geschweige denn dass jemandem schlecht geworden wär. Fand ich krass. Wie wohl deutsche Schüler reagiert hätten?

  2. Morgensport
    Ich bin der tollste! Ich bin beim Morgensport in der Schule derjenige, der vor der ganzen Klasse steht und vorspackt, was die nachspacken sollen! Das bin ich nicht freiwillig geworden, so wie sich hier Freiwilligkeit und Schule sowieso gegenseitig ausschließen. Sondern ich hab einfach mitgemacht, womit ich schon unter meinen Mitschülern heraussteche und prompt von meiner Klassenlehrerin ohne um meine Meinung zu fragen nach vorne beordert wurde. Am Anfang war's mir unangenehm der erste unter Gleichen zu sein, ich wollte gleich unter Gleichen sein. Aber man gewöhnt sich dran, und man wird hier auch nicht als Streber betitelt. So gut wie nie, egal was man macht. Was dazu führt, dass Schüler ihre Lehrer massieren... Ó_ò

  3. Einkaufen
    Wenn man hier einkaufen geht, ist das etwas ganz besonderes, vor allem wenn es nicht um Supermarkteinkäufe sondern um größeres geht. So bei meiner Jacke zum Beispiel. Ich bin in den Laden hineingegangen und sofort standen mir zwei Mitarbeiter zur Verfügung, die allerdings nicht nur daneben stehen und kleine Ratschläge geben und auf Fragen antworten, so wie es in Europa in sehr edlen Geschäften üblich ist, sondern mir vielmehr jedes einzelne Kleidungsstück, das verfügbar ist, vorschlagen, anziehen, in jedem Fall als sehr gut bewerten und dann warten, ob ich kaufe. Wenn ich mehr als drei Sekunden nichts sage, schlagen sie mir das nächste vor. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl, ich fühle mich bedrängt und nicht frei in meiner Entscheidung.
    Noch schlimmer ist es in großen Malls, wo ganz viele kleine Läden Dinge verkaufen, die meistens kein Mensch braucht. Manchmal auch Kleidung oder Elektrogeräte. Jedenfalls, wenn man da durchgeht (vor allem als Ausländer), fangen sie an, einem Dinge wie „Lookilook!“ (was witzigerweise wahrscheinlich vom chinesischen „看一看” kommt) „very cheap!“ und die Namen des Ramsches, den sie verscherbeln, zuzurufen. Wenn man dann näher kommt und schaut, breiten sie siegesgewiss schonmal all ihre Ware auf den Glastresen aus und erzählen einem die Preise, die in den meisten Fällen 500% des Preises für Chinesen betragen, ohne dabei „very cheap“ wegzulassen. Mich persönlich hält das vom Kauf eher ab und da ich glaube, damit nicht allein zu sein, wundert mich, dass die sonst meist so geschäftstüchtigen Chinesen das noch nicht verstanden haben.

So, das wars dann auch mit Anekdoten, und ich glaube auch dass es das erstmal für heute war, ich hab' heute vier Seiten geschrieben. Geht bald weiter, keine Angst.

29.1.08 10:21


Gude Laune, Feierei!

So. Liebe Fans, ihr habt mich ja alle schrecklich vermisst, ich weiß. Und es tut mir auch echt leid, dass ich jetzt erst schreibe.
Hatte irgendwie lange keine Lust, trotz eurer aufmunternden Kommentare. Hier mal ein kurzes Dankeschön an alle, die das hier lesen und kommentieren. Ich fühle mich geehrt von eurem Interesse. =)

Jetzt ist es schon so lange her, ich weiß garnicht, wo ich anfangen soll. Ich denke, bei den Feiertagen. Da fragten und fragen viele nach.

Also. Weihnachten. Weihnachten wird in China nicht gefeiert, denn vielleicht ist ja einigen noch geläufig, dass es ein christliches Fest ist. China ist kein christliches Land, vielmehr... äh. Nun ja, ich erleb vor allem Atheismus. Kein Weihnachten also, nein, während der Weihnachtsfeiertage ist sogar Schule. Das konnten wir natürlich als unglaublich fromme gläubige Christen nicht auf uns sitzen lassen, und so haben die Austauschschüler aus Yanqing bei ASSE darum gebeten, den Tag frei zu bekommen und in die Kirche zu gehen und ein bisschen zu feiern. Das hab ich mitbekommen und bin auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Was zugegebenermaßen nicht besonders schwierig ist, denn die Planungszüge von ASSE, wenn man bei der Metapher bleiben möchte, fahren ziemlich langsam und mit vielen Stopps. Und so trafen wir uns am 24. Dezember in Wangfujing (王府井, der größten und witzigsten Einkaufsstraße Pekings. Dort gibt’s unglaublich viele Geschäfte und Malls und Restaurants undsoweiter, alles zu fast europäischen Preisen. Begleitet von zwei ASSE-Wärtern quartierten wir uns dort in ein kleines Hotel ein.

Danach gingen wir raus und schauten uns die Kirche an, in der wir am nächsten Morgen am Gottesdienst teilnehmen sollten. Fotos davon findet ihr auf Pixum, im dritten Album. Genau so habe ich mir immer eine Missionarskirche vorgestellt und ich schätze mal, das war eine. Als wir die ASSE-Wärter anschließend fragten, ob wir uns unabhängig machen dürfen, schienen sie nicht besonders unglücklich und gewährten uns sogar eine sehr großzügige Ausgehfrist. Also erstmal was essen. Let me apologize to begin with... Ja, ich geh gern in großkapitalistische böse Wessi-Lokale in China. Zum Beispiel beim großen goldenen M oder beim netten Onkel aus Kentucky oder bei der Dame im grünen Kreis mit den Sternchen. Das liegt daran, dass ich hier jeden Tag chinesisch esse. Und stellt euch vor, man merkt es währenddessen nicht, aber man vermisst das Wessi-Essen. Und wenn sich dann die Gelegenheit bietet... Tut mir leid... Ich verspreche, wenn ich wieder in Deutschland bin, ganz viel in kleine Familienbetriebe zu gehen und die bösen, bösen imperialistischen amerikanischen Ketten eine Weile zu boykottieren. Nachdem ein paar von uns also ein Burgerchen gegessen haben, stürzten wir uns in das wilde Treiben auf der Wangfujing. Denn da gibt es auch ziemlich... interessantes Essen. Eine seeeehr lange Reihe von kleinen Ständen, an denen gebratene aufgespießte Teile von Tieren verkauft werden. So ziemlich alle Tiere, alle Teile. Gesehen haben wir alle möglichen Insekten und Wasserviecher, Innereien und Penisse und ganz viel Zeug, wo wir lieber nicht gefragt haben, was es ist. Gegessen haben wir einen Emuspieß, der ganz gut war. Einen Spieß mit etwas, das aussah wie Kokons von irgendwelchen Insekten. Sehr eklig, ich hab so ein Ding ganz in den Mund genommen und draufgebissen, was es allerdings nicht erwartungsgemäß in zwei Hälften teilte sondern das halbflüssige Innere an beiden Seiten heraus und in meinen Mund spritzen ließ. Uäh! Oder „beurk“ wie Mathilde sagte, als sie bemerkte, dass an dem Tintenfischspieß, an dem sie gerade kaute, noch die Augen waren. Sogar Döner hab ich gefunden, davon müsste auch ein Foto im Album sein. Leider hatte ich keinen Hunger, sonst hätte ich sicher einen internationalen Vergleich anstellen können.

Bemerkenswert war die schiere Menge an Menschen, die an einem normalen chinesischen Arbeitstag abends durch Wangfujing lief. Und es wurde nicht weniger, je später es wurde, eher mehr. Weil das irgendwie angesagt zu sein schien, kauften wir uns sowohl Weihnachtsmannmützen als auch leuchtende Teufelshörner, die ironischerweise an Weihnachten in der Fußgängerzone verkauft wurden. Stilsicher machten wir also die Malls, Fressmeilen und den riesigen Fremdsprachenbuchladen unsicher, bis wir dann zur vereinbarten Zeit pünktlich wieder in unserem Hotelzimmer waren und dort das eigentliche Weihnachtsfest begingen. Wer seine Geschenke von zu Hause mitgebracht hatte, packte sie dort aus, wir aßen Plätzchen, Lebkuchen und Marzipan und Schokolade und so Zeugs, sogar eine Kerze stand auf dem Tisch. Bis früh am Morgen saßen wir noch dort und unterhielten uns.

Viel zu früh mussten wir am nächsten Morgen aufstehen und zur Kirche gehen. Als wir dort ankamen, waren wir erstmal irritiert, denn die Kirche war schon proppenvoll mit Chinesen, die auf diesen Kniebalken knieten und chinesische Kirchenlieder sangen. Aber nicht lang. Dann standen sie alle auf und gingen. Wieder waren wir irritiert, denn eigentlich waren wir doch pünktlich?! Jedenfalls rissen wir uns eine der Bänke unter den Nagel und warteten, schließlich waren nicht alle gegangen. Gut so. Ein paar Minuten später begann der Gottesdienst. Ein Priester kam und redete. Vier von uns Fünfen hatten überhaupt keinen Plan, was grad vor sich ging. Luisa ist die einzige von uns, die erstens katholisch ist und zweitens sogar einigermaßen gläubig und kirchenerfahren. Trotzdem war es nicht einfach. Die Reihenfolge schien komisch zu sein. Und gesungen wurde garnicht. Offensichtlich war das Singen davor, separat. Zwischendurch hat auch die Gemeinde was gesagt und wir haben jedesmal gerätselt, ob das jetzt das Vaterunser, die Fürbitten oder sonst etwas ist. Verstanden hab ich nix von der Predigt. Nur „shengdanjielaoren“ (Weihnachtsmann), „nikelao“ (hehe, ratet mal) und „yesu“, woraus ich schloss, dass der Priester den Zusammenhang zwischen all dem erklärte, was ja durchaus nicht verkehrt ist. Meine Gastmutter dachte, der Weihnachtsmann sei identisch mit Jesus. Und das ist ja noch nichtmal so ein abwegiger Gedanke. Weiterhin merkwürdig für uns war das ständige Kommen und Gehen der Gemeindemitglieder, und dass sich niemand daran gestört hat. Aber im Nachhinein ist es völlig logisch, denn es war ein Dienstag Vormittag. Kein Feiertag. Also hat ein Großteil der Chinesen nicht genug Zeit, um einem kompletten Gottesdienst beizuwohnen und man kann froh sein, wenn man zehn Minuten konzentrierte Spiritualität mitbekommt. Insgesamt also eine interessante Erfahrung.
Unser verbliebenes Weihnachten ließen wir im nächsten Starbuckscafé ausklingen.

Wow. Weihnachten fertig. Silvester. Erstmal der 29. Dezember. Obwohl das ein Samstag war, hatte ich Schule, denn es sollte ein Fest stattfinden und die Chinesen sind nicht so großzügig mit wertvollen Schultagen wie unsereins. Dafür war dann Silvester frei, obwohl das eigentlich auch kein Feiertag ist. Bei diesem Fest jedenfalls saßen alle in der großen Halle der Schule und dann gab es verschiedene Beiträge der Schüler. Was uns die Tanzbeiträge sind, sind hier die Gesangsbeiträge: peinlich, überbewertet (aber nur von den Protagonisten) und völlig überflüssig. Denn von den Chinesen in meinem Alter halten sich ungefähr achtzig Prozent für überdurchschnittlich gute SängerInnen, wobei die Mädchen überraschenderweise nur wenig in der Überzahl sind. Also gab es sieben Gesangsbeiträge, zwei Sketche und einen Bandauftritt. Als die Band auftrat, hatte ich ein wenig Angst vor den üblichen chinesischen kitschigen Liebesliedern. Zu meiner Überraschung spielten sie Nirvana, und die Instrumente waren sogar gut. Die Sängerin war eine von denen, die nur zu Unrecht denkt, gut zu sein. Und außerdem schien sie den Text nur durch Hören gelernt zu haben, ohne die Worte auseinander halten, geschweige denn verstehen zu können. Was sich witzig anhörte, etwa so, wie wenn kleine Kinder Popsongs aus dem Radio mitsingen ohne englisch zu können.

Nun. Wo ich grad von Feier in der Schule erzähle, schweife ich mal etwas ab, zu einer kleineren Feier in der Klasse, die schon länger her ist. Das war ungefähr die unspaßigste Feier, an der ich jemals die Ehre hatte, teilnehmen zu dürfen. Zuerst wurde die Tafel wunderschön bemalt, mit Blümchen und so'n Kram, dann mussten alle ihre Schuluniform anziehen und zwar richtig, mit Reißverschluss zu bis zum Hals und nix drüber. Dann im Kreis sitzen. Und zwar richtig, gerade sitzen, Beine nicht überschlagen, nicht miteinander reden, Handys einstecken. Dann wurde am Lehrerpult ein Computer aufgebaut und darauf ein Film abgespielt, der niemanden interessierte und den man auch nicht verstanden hätte, wenn, denn der Ton war zu leise und das Bild lief auf einem 17-Zoll-Monitor, auf dem Windows Media Player, noch nichtmal im Vollbildmodus. Als diese lächerliche Vorstellung endlich beendet war, lasen erst zwei Schüler eine Rede vom Blatt ab, die ihnen wahrscheinlich vom Lehrer diktiert wurde, so voll von pathetischen Lobgesängen auf Lernen im Allgemeinen und diese Schule im speziellen und diese Klasse im noch spezielleren war sie.
Danach standen auch zwei hospitierende Lehrer auf und erzählten, wie vorbildlich diese Klasse sei und dergleichen mehr. Obwohl jeder wusste, dass wir die schlimmste Klasse sind und dass unser vorheriger Klassenlehrer uns gerade abgegeben hatte, weil er uns nicht mehr ertragen konnte. Zum längst fälligen Abschluss dieser Komödie trat noch einer derer auf, der von sich denkt, gut singen zu können, wurde unangemessen viel gelobt und bejubelt und vorbei war die ganze Chose.

Endlich das richtige Silvester: Mein Bruder und ich saßen am Computer und spielten sinnlose Spiele oder surften durchs Internet, als die Uhr 00:00 anzeigte und wir uns gegenseitig ein „新年快乐“ („Frohes Neues&ldquo zumurmelten, nicht zu laut, denn meine Gasteltern schliefen schon, war ja schließlich spät. Achja, ein paar Böller konnte man hören. Sporadisch. Ihr seht, nicht so allererste Priorität, Silvester hier.

Bald ist hier chinesisch Neujahr, am 7. Februar fängt's an. Das wird wohl etwas größer begangen. Ich bin schon gespannt. Ihr könnt euch auf einen Bericht freuen, wenns vorbei ist.

29.1.08 09:27


...

So, morgen ist es einen ganzen Monat her dass ich was geschrieben hab.

Aber. Ich hab grad irgendwie sauwenig Bock, was zu schreiben. Tut mir leid. Ich denk mal das kommt wieder =) Schreibt mir weiter emails, wenn ihr euch informieren wollt.

Also, ein frohes neues Jahr allen, die das lesen

Mir gehts gut, keine Sorge, alles im Lot und im grünen Bereich,

Liebe Grüße,

Felix 

1.1.08 10:09


Aktuell?

Ich hab jetzt schon echt lange nix mehr geschrieben. Zwei Wochen seit dem letzten Beitrag und noch länger seit dem letzten, der sich mit etwas aktuellem beschäftigt. Deswegen kommt der zwar heute, ist aber nicht nur aktuell, sondern auch mit älteren Aktualitäten vollgestopft.

 Vor einiger Zeit hat sich folgendes im Hause Zhang zugetragen: Ein befritteter Westler wollte für seine unbefritteten asiatischen Familienmitglieder kochen, wie man es in des Frittenkopfs Heimat tut. Schnitzel mit Kartoffeln und Salat. Dafür musste natürlich erstmal eingekauft werden, was sich als langwieriger als gedacht herausgestellt hat. Denn obwohl meine liebe Gastmutter und Jiaxing beide keine Ahnung vom westlichen Kochen haben und das auch wissen und zugeben, gibt es anscheinend einige Dinge, die als allgemeingültig gesehen werden. So durfte ich mir das Fleisch nicht selber aussuchen, sondern musste auf ihren Rat hören, der das eine Stück Fleisch, das zwar identisch aussah dennoch vom anderen zu unterscheiden wusste. Auch die Kartoffeln bedürfen präziser Auswahl, es gibt nämlich mehlige und nichtmehlige und eine von beiden Sorten ist laut Gmama essbar, die andere kaum. Ich wollte aber die andere. Schließlich haben wir beide gekauft. Und so weiter. Schließlich hatten wir einen Haufen Lebensmittel gekauft, der Preis für alles belief sich auf 140 Yuan, was 14 Euro sind und meine Begleiter kräftig schlucken ließ. Dabei waren übrigens auch Messer und Gabel, weil beides hier zuhause nicht benutzt wird und ergo nicht vorhanden ist.

Zuhause angekommen, machte ich mich gleich an die Arbeit, interessiert von zwei Augenpaaren beobachtet. Nun ja, ich fands sehr lecker, Jiaxing fands gut und seine Mutter hat keinen Kommentar abgegeben^^. Die Kartoffeln sind aufgeplatzt, warum weiß ich nicht, das ist mir in Deutschland nie passiert. Auf anfängliches Unverständnis stieß, dass ich nicht vorhatte, den Salat zu kochen oder sonstwie zuzubereiten, sondern ihn nur zerrupfte und mit Gurken- und Tomatenscheiben in eine Schüssel gab und eine Soße darüber goss. Das war allerdings schließlich das, was am besten aufgenommen wurde, Jiaxing war sehr begeistert und Gmama schien es auch zu mögen, da sie sich später auch einmal daran versucht hat. Eine gelungene Aktion insgesamt also.

Zwischendurch gab es die Prüfungen für alle Schüler meiner Schule (eigentlich auch für die Restchinas, aber an anderen Terminen). Das waren zwei schöne Tage, denn ich musste nicht zur Schule gehen. Allerdings wurde ich trotzdem intellektuell und vor allem nervlich gefordert, und zwar von Jiaxing. Er hatte nämlich Angst vor seiner Englischprüfung (zu Recht, wie sich herausstellen sollte) und bat/befahl mich/mir, ihm per SMS dabei zu helfen. Was ich natürlich gerne zusagte. Schüler aller Welt sollten zusammenstehen, wenn es um Pfuschen und Anstrengungsvermeidung geht. Und so kam es dann auch. Ich erhielt SMS mit Testfragen und beantwortete diese mit den passenden Antworten. Allerdings habe ich damit gerechnet, dass Jiaxingschatzi sich in einem äußersten Zweifelsfall an mich wendet, wenn er sein Gehirnschmalz schon bis zum letzten Englischtropfen ausgewrungen hat. Ha! Nix da, der gute schreibt mir nahezu alle Testfragen und erwartet außerdem, dass ich sie möglichst schnell beantworte, was er mit einem „quickly!“ in seinen SMS unterstrich. Als ich dem nicht nachkommen konnte, weil ich Handytipplegastheniker bin, rief er mich an (beeindruckend, dass man anscheinend in einer Prüfung unterm Tisch telefonieren kann, ohne dass der Lehrer das merkt und bestraft). Flüsternd, wegen benanntem Lehrer, diktierte er mir Aufgabenstellungen Buchstabe für Buchstabe, worauf ich ihm die Lösung buchstabieren sollte. Wer schonmal mit jemandem telefoniert hat, der in sein Handy flüstert, weiß, dass das an sich schon schwer ist. Wenn der andere aber auch noch so schnell und undeutlich buchstabiert, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, etwas zu verstehen. Als ich ihm das erklärte, reagierte er relativ ungehalten. Den krönenden Abschluss bildete eine SMS „Write a short essay about High School Students having jobs and earning pocket money – 40 Words okay, quickly!“ Dass ich das in einer SMS nicht leisten könnte, fiel ihm anscheinend garnicht ein. Also hab ichs im geschrieben.

Wie zu erwarten war, hatte er 36/100 Punkten in dieser Prüfung eingesackt. Wofür er zumindest teilweise anscheinend mich verantwortlich machte, denn hinterher sagte er mir, wenn er das gewusst hätte, hätte ich mit zur Schule kommen müssen und ihm durchs Fenster helfen müssen. Spätestens dann dachte ich mir, dass ers eigentlich nicht anders verdient hat.

Nächstes Thema: Sein Geburtstag. Der war am 03. November und wurde mit einem Restaurantbesuch begangen. Ich habe ihm ein Bayern-München Fan-Tshirt geschenkt, worüber er sich freute wie ein Schneekönig. Bei dem Restaurantbesuch waren seine Mutter und Großmutter sowie drei Freunde und ich dabei. Das Essen war nicht spektakulär, aber zwei Dinge waren bemerkenswert und auf die möchte ich hier eingehen. Das waren der Wein und die Torte.

Ersterer war anscheinend teuer gewesen, ein edler chinesischer Rotwein (sagten Jiaxing und Kumpanen, ich kann das nicht beurteilen). Selbst mitgebracht ins Restaurant. Das allein ist für mich natürlich schon befremdlich, dann aber auch noch die Kellner und den Geschäftsführer zu kritisieren, weil nicht mehr als drei Rotweingläser im Haus sind, fand ich schon sehr komisch.
Im Gegensatz zu mir und allen anderen, glaubte einer von Jiaxings Freunden, sehr viel Ahnung vom Rotweintrinken zu haben. Also machte er ein unglaubliches Geschiss, beanspruchte den Job des Mundschenks und Weinberaters ausschließlich für sich und erklärte allen, was sie zu tun hätten. Und das war vielfältig, er goss sehr wenig Wein ein und schwenkte, schüttelte und ließ stehen, roch, nippte, wiederholte das ganze, rollte schließlich sogar das Glas auf dem Tisch. Das nervte mich ungemein, aber lachen musste ich später, als ebendieser Weinkenner befand, das Getränk sei ihm zu sauer (was, verglichen mit chinesischen Alkoholika auch nicht besonders schwer ist) und als Konsequenz den guten Wein mit Sprite verdünnte, was sogar ich, der ich keine Ahnung habe, als Verbrechen erkenne.

Zur Torte. Die sah sehr... amerikanisch aus, groß und voll mit Sahne, Früchten und viel undefinierbarem Schmier. Sie stellte sich als Buttercremetorte heraus, die hielt, was ihr Name und ihr Ruf verspricht, nämlich unglaublich schwer im Magen zu liegen und seehr fett zu sein, sodass ich noch nichtmal ein Stück essen konnte. Ansonsten war sie aber lecker. Das und die doch bessere Örtlichkeit hielten Jiaxings Freunde allerdings nicht davon ab, diese Torte als Abschluss in seinem Gesicht zu verteilen und eine kleine Tortenschlacht abzuhalten.

Wieder an der Schule, musste ich erschreckendes feststellen. Zwei meiner Mitschüler entblödeten sich nicht, Hakenkreuze hinten auf ihre Schuluniformen draufzumalen, teilweise in Herzen gerahmt und ziemlich beiläufig, wenn nicht sogar befürwortend. Mir wird wirklich physisch schlecht, wenn ich das sehe und hege jetzt einen Groll gegen diese beiden meiner Mitschüler, der aber an sich durch deren Charakter schon berechtigt genug wäre.
Als ich sie fragte, was das ist und soll, meinte der eine nur, „das habe ich gemalt“ und der andere meinte das sei lustig und interessant (was sich im Chinesischen nur schwer unterscheiden lässt, das Wort ist das gleiche: 有意思)
Bei dieser Frage hab ichs erstmal belassen, aber wenn es sich ergibt, werde ich denen mal ein wenig den Kopf waschen.

Gestern war ich (relativ kurzfristig) auf dem Weihnachtsmarkt der deutschen Botschaft Peking. Eine insgesamt sehr gelungene Efahrung für mich. Ich weiß jetzt, wie man zur Botschaft kommt, was sehr zeitintensiv aber unglaublich einfach ist. Ich habe gaaaanz viele Deutsche und andere Ausländer gesehen. Alles war da, Italiener, Deutsche, Franzosen, Engländer, spanisch hab ich auch gehört, Chinesen und ein paar Amerikaner glaubich auch. Das war wirklich wie auf dem Weihnachtsmarkt, nur doppelt so voll (und natürlich kleiner und so).  Ich musste eine halbe Stunde anstehen, weil nur Leute reingelassen wurden, wenn welche rausgingen. Anders als zu erwarten waren die Sicherheitsleute nicht grummelig und genervt von den unglaublich vielen Leuten an einem kalten Tag, sondern fröhlich, mit Weihnachtsmannmützen und immer für ein Späßchen aufgelegt ("Soso... Felix Bode, 16. Na dann mal rein mit dir, sauf nicht zuviel Glühwein!" Auch sonst eine sehr nette Atmosphäre, was zum Teil wahrscheinlich auch dem Klientel der Langnasen entspringt, die nach China gehen. Schon von den Klamotten her: Gaaanz viel "The North Face", "Jack Wolfskin" und Öko-Ethnohippiefransenklamotten und fast garkeine "Gucci", "Dolce&Gabbana" etc. Natürlich alles schweineteuer, noch teurer als auf einem deutschen Markt, aber dafür auch ausschließlich für gemeinnützige Organisationen im Raum Peking. Habe ein bisschen Weihnachtsmarktflair genossen, mit Glühwein, Fleischbrötchen mit ketschapp und senf und Kakao und Kuchen und so weiter.

Nun einmal ein kleiner Absatz zu meiner Selbstständigkeit. Damit ist es, verglichen mit Deutschland nicht weit her. Aber es hat sich schon gebessert. Ich kann mich in Peking mittlerweile frei bewegen und dank einer ÖPNV-Dauerkarte, die ich jetzt endlich habe, ist das auch erheblich unkomplizierter geworden. Aber leider gelten immernoch die ASSE-Regeln, die meine Familie leider als bindend betrachtet, das heißt, ich darf nur zuhause schlafen, muss um 10 zuhause sein etc. (Jiaxing übrigens auch, obwohl er 19 ist. Wenn er um 20:00 nach Hause kommt, kriegt er schon Ärger von seiner Mutter.) Diskos werd ich wohl nie von innen sehen, obwohl mir das schon einige Deutsche empfohlen haben. Außerdem habe ich keinen Schlüssel. Und nicht das Gefühl, dass sie das ändern wollen. Also werde ich wohl demnächst mal danach fragen, denn gestern musste ich schon zum zweiten mal vor der Tür warten weil Jiaxing weg und seine Mutter einkaufen war. Ich hab Schiss davor, zu fragen...

Die Gratwanderung zwischen Anpassung und Selbstbestimmung/-behauptung fällt mir sehr schwer. Normalerweise bin ich mit Kritik an Regeln und System ja nicht so zimperlich, aber sonst habe ich auch meistens mehr Rückhalt von irgendwo und sonst hängt auch nicht soviel davon ab.

Das ist schon wieder ziemlich lang geworden... Und ein zwei kleinere Sachen fallen mir sogar noch ein, die ich schreiben könnte. Mach ich aber jetzt nicht, weil ich keine Lust habe und die auch nicht so wichtig sind.


2.12.07 05:43





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